Indien

Indien! Wer hat davon nicht gelesen. Das Land der Korruption, Menschenmassen, Dreck und Massenvergewaltigungen. Ein Land wo Frauen nichts zu sagen haben und Männer überall in Gruppen rumlungern und absolut an der Macht sind. Niemals hätte ich gedacht, das ich wirklich mal nach Indien reisen würde. Irgendwie war das Land mir immer suspekt und ich hab noch nie fröhliche Gedanken mit Indien in Verbindung gebracht… Mittlerweile denke ich vollkommen anders über das farbenfrohe, kulturelle, kontrastreiche und traditionelle Land, in dem um jede Ecke eine Überraschung wartet. Alles ist so unfassbar anders hier. Einfach alles ist nicht so wie man es kennt aus anderen bereisten Ländern. Irgendwie immer kompliziert und schwierig- aber das hat was! Selbst die kleinste Besorgung kann zu einem Abenteuer im Gedränge werden – was überall herrscht. Wir brauchten eine gewisse Phase der Eingewöhnung von all dem frustrierenden, inspirierenden, spannenden und verwirrenden Überfluss…

 

Unser Start in Delhi war grauenvoll. Delhi – was ist das?? Sowas wie Delhi habe ich noch nie gesehen. So ein stinkendes, überfülltes von Armut geplagtes Loch, indem man für die kleinste Entfernung innerhalb der riesigen Stadt fünf Stunden braucht in einem Gewirr aus Taxis, LKW s, Rikschas, Kühen, Hunden und pinkelten Menschen. Den Verkehr ordnet nicht etwa Regeln, sondern die Hupe, das wichtigste was ein Fortbewegungsmittel jeglicher Art hier haben muss. Delhi war kein guter Anfangspunkt für unsere Reise. Zu viel des Guten. Wir versuchten an einem Tag, soviel wie möglich von den MUST SEE Sehenswürdigkeiten abzuklappern und das wars. Im Nachhinein sehr schade. Die eine Millionen Eindrücke von Delhi, die mich zuerst total überforderten, habe ich jetzt verarbeitet. Jetzt würde ich Delhi gerne ein neue Chance geben und es komplett anders erkunden wollen. Offen und bereit mich einzulassen und das Wesen der Stadt und Leute zu verstehen!

Auf nach Rajasthan!

… Über den Bundesstaat Haryana führte unser Roadtrip in das sagenhafte Reich der Maharadschas. Der Staat glänzt natürlich im ersten Atemzug, wenn einem dieser nicht schon genommen wurde, vornehmlich mit dem architektonischen Erbe seiner Maharadschas.
Plötzlich in einer mehr und manchmal weniger trockenen Wüste inmitten einer sich abwechselnden Landschaft aus Hügeln und weitem Flachland erheben sich Forts, Bergen gleich und auf diesen thronend das Umland beherrschend. Erst respekteinflößend und dem englischen Begriff alle Ehre machend. Doch nähert man sich und dann noch dramatischer bei der unweigerlichen Besichtigung, erkennt man, dass sie den ehemaligen Herrschern zugleich als Paläste von ungeheurer Schönheit und Vielfalt dienten. Bei dem Anblick fühlt man sich jetzt noch in eine zauberhafte, längst vergangene Ära zurückversetzt. Doch diese Forts sind nur ein Teil des Ganzen. Unter ihnen erstrahlen Städte, die sich nicht zu verstecken brauchen in ihrer Individualität. Und auch wenn hier und da, zuweilen ganz massiv, der Zahn der Zeit und die Realität indischer Städte ihr Übriges tut und getan hat, ziehen sie einen sofort in ihren Bann. Rajasthan ist aber noch viel mehr als das. Kamelkarawanen und wilde Bengaltiger, Dünen und Dschungel, bunte Farben, glitzernde Juwelen, Spiritualität und eine lebendige Kultur…

Wir mieteten uns für zwei Wochen ein Taxi inklusive Fahrer. Ein äußerst netter Herr mittleren Alters, aus dem Norden Indiens stammend. Auch mit Ihm hatten wir anfängliche Schwierigkeiten. Doch die klärten sich schnell auf und wir schlossen Ihn richtig in unser Herz. Er erzählte uns viel über indische Traditionen, das Heiraten, das Sterben und die Art des Lebens hier. Seine Familie lebt in Lehmhütten im Himalaya Gebirge. Zu früheren Zeiten musste man dort noch vor Tigern und Leoparden auf der Hut sein, die sich bis ins „Haus“ schlichen und das einzige Hab und Gut klauten – das Vieh.

Unser erster Stopp galt Jaisalmer (Golden City), die kleine Stadt in der Wüste Tahr Nähe der Pakistanischen Grenze. Die Fahrt in die 840 km entfernte Wüstenstadt war das reinste Abenteuer. Lautes Gehupe in den Ohren – nonstop, Straßen auf denen man normaler Weise ein 4xWheel Drive benötigt, Kühe im Weg, Kamele im Weg. Von Staub bedeckte kleine Ortschaften, an denen am Wegesrand genüsslich kackenden in Dhoti gekleidete Männer saßen. Wechselnde Landschaft, von satten Grün bis zu gold schimmernden Sand. Wieder waren wir von den Eindrücken der zweitägigen Fahrt überfordert – sie sausten nur so an uns vorbei…

Erstmals zur Ruhe kamen wir auf unserem zweitägigen Ausritt mitten in die Wüste. Gio, unsere zwei Kamele, der Kameltreiber und ich – nichts außer Weite und Stille. Draußen schlafen unter einem Dach aus Sternen, ein magisches Erlebnis. Wir besuchten ein kleines traditionelles Dorf, indem uns die Kinder neugierig begrüßten. Ich liebe sowas – zu sehen, wie Menschen überall auf der Welt so verschieden leben und verschieden sind. Glücklich und zufrieden mit scheinbar nichts, wenn man unseren westlichen überheblichen Maßstab ansetzt. In diesen weit abgelegenen winzig kleinen Wüstendörfern, abgeschnitten vom Rest der Welt herrschen einfach andere Werte. Es erweitert meinen Horizont zu sehen das es auch einfach geht. Und dann waren da noch die wunderschönen Gesichter. Die Wüstengesichter von Schäfern und Hirten die hunderte von Schafen und Ziegen durch die Wüste treiben in Ihrem wunderschönen weißen Gewand. Gesichter, gezeichnet von Sonne und Staub, bedeckt mit einem nett gebundenen Turban – ich bin verliebt.

Weiter ging unsere Tour nach Jodphur – Blue City, Udephur – white City, Puschkar – holy City, Jaipur – Pink City und zu guter letzt nach Agra in den Bundesstaat Uttar Pradesh um beim Sonnenaufgang das Taj Mahal zu sehen, das extravaganteste Liebesmonument der Welt.

Doch zuvor…; mit anderem Blickwinkel schauend, entdeckten wir nun auf den Straßen von Ort zu Ort Menschen die Imbisskarren vor sich herschieben, Schnörkelmuster auf tonnenschweren Trucks, Blumengirlanden neben freundlichen Verkäufern, wunderschön traditionell bekleidete Frauen, die in großen Behältern Wasser in die Wüstenorte transportieren, unzählige groß gefeierte bunte Hochzeiten, Rikschas und Fahrräder, die zu einem geheimen Rhythmus zu tanzen scheinen, geschäftstüchtige Einheimische aus den verschiedensten Kulturen und Religionen kommend… Es ist schon faszinierend wie sich die Sicht auf Dinge verändern kann. Wie man sich auf einmal wohl fühlt und mit dem Strom schwimmt, in diesem ganzen Gewirr voller anregender, nachdenklich stimmender und unvergesslicher Momente… eins steht fest: Indien berührt die Seele. Diese vollkommen andere Welt.

Date: Feb 2017

Role: Travel

Client: None

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